Energiewende

… oder wie sie verhindert werden soll

Die Strompreise lassen so manchen Bürger an der Richtigkeit der sog. Energiewende zweifeln. Hiobsbotschaften über steigende Preise durch den Atomausstieg sind Wasser auf die Mühlen der Atomapologeten und der Energiebranche. Die Gewinne der Konzerne durch die Laufzeitverlängerung der AKW wurden nie auf die Kunden umgelegt und solche Geschenke mag man von Unternehmensseite ungern wieder hergeben. Die Drohung mit Strompreiserhöhungen hat jedoch wenig mit dem zu tun, was behauptet wird.

So stellt MdB Göppel (CSU) fest: dass der Strompreis sinkt, was nur nicht an die Kunden weiter gegeben werde.
Strompreisberechnung

Dazu muss man Folgendes wissen: Seit Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) Anfang 2000 muss Strom aus regenerativen Quellen vorrangig ins Netz eingespeist werden mit dem Ziel, CO2-emmitierende Kraftwerke sukzessive abzulösen. Um das zu erreichen wurde im EEG festgelegt, dass die Kosten[1] für die Verstromung täglich geschenkter Primärenergie (aus Sonne, Wind, Wasser etc.) auf die Allgemeinheit der Verbraucher umgelegt werden.

Dadurch ist der Verkauf dieser Stromsorten an der Strombörse immer garantiert, während der Strom der teuersten konventionellen Kraftwerke in der Börsenlistung teilweise nicht mehr zum Zuge kommt. Durch das Verdrängen teurer konventioneller Kraftwerke sinkt der Börsenpreis für Strom.

Für die Konzerne bedeutet dies einen doppelten Verlust: Da der Börsenpreis fällt, ist ihre Gewinnmarge geringer. Und da sie ihren eigenen Strom manchmal nicht mehr einbringen können, fallen ihre Gewinne weiter. Trotz der Umlagefinanzierung regenerativer Energien wird nicht primär der Strom teurer, sondern lediglich die Marge der Anbieter schmilzt. Dies dürfte deren Gebaren in der öffentlichen Debatte erklären. Details zum Verfahren lassen sich hier nachvollziehen.

Hinzu kommt noch, dass durch Solarstrom oftmals genau dann viel Strom zur Verfügung steht, wenn Spitzenlasten auftreten – zur Mittagszeit. Das Vorhalten eigener Kraftwerke für diesen Zweck, die manchmal dauerhaft laufen, aber nur wenige Male im Jahre überhaupt zum Zuge kommen, wird dadurch überflüssig. Auch ist der beklagte teure Netzausbau der Fernübertragungsleitungen unnötig, wenn erneuerbare Energie mit integrierten Stromspeichern stets dort Strom liefert, wo er benötigt wird: lokal, also dezentral.[2]  Ebenso ist der volkswirtschaftliche Nutzen regenerativer Energien äußerst wichtig: Langfristig stabile „eigene“ Primärenergie, welche die Teilnahme an den „neuen Kriegen“ um fossile Ressourcen obsolet macht, hat neben dem friedenspolitischen Aspekt auch positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt vor Ort.

Der preissenkende Effekt wird mit zunehmender Einspeisung erneuerbarer Energien größer als der preiserhöhende Umlage-Effekt, wird aber von den Versorgern nicht an die Verbraucher weitergegeben, sondern in die eigene Tasche gesteckt. Seit Jahren wird lediglich der preiserhöhende Effekt auf den Stromrechnungen als „EEG-Differenzkosten“ für erneuerbare Energien ausgewiesen. Die Stromkunden glauben dann, Strom aus erneuerbaren Energien würde sie um diesen Betrag finanziell stärker belasten als Strom aus fossiler Energie und Atomenergie. Doch das ist ein Irrtum, der durch das Bundeswirtschaftsministerium und die Stromwirtschaft zu Lasten der erneuerbaren Energien gerne gepflegt wird.[3]

Dementsprechend wird die Photovoltaik-Förderung beendet, auch wenn diese nicht ansatzweise die Höhe der Summen erreicht hat, die zur Förderung der Atomindustrie ausgegeben wurden. Interessant ist auch der Usus, bei Solarzellen den Energieinput mit dem -output zu vergleichen, also die Gesamtenergiemenge zur Herstellung zu berücksichtigen – etwas, das auffällig bei der Berechnung des angeblich günstigen Atomstroms fehlt. Und obwohl Atomstrom mit 304 Mrd. Euro staatlich gefördert wurde – und die Anlagen weder versichert sind, noch die Entsorgung der Brennstäbe sicher gestellt ist – ist auch zukünftig nicht geplant, dass diese Kosten die Gewinne der Konzerne schmälern.  Sie bleiben der Allgemeinheit aufgebürdet, die nun durch eine Energiepreisdebatte verunsichert wird – auch durch Bundesumweltminister Altmaier, der eng mit den großen Energiekonzernen kooperiert.
Die Bevorzugung der Großkonzerne sieht man auch daran, dass die kartellrechtlich gerügten Preisabsprachen der vier großen Energiekonzerne (EnBW, Vattenfall, RWE und E.ON) noch nicht zu einem Einlenken von politischer Seite geführt haben. Die Konzerne konnten von 2002 bis 2010 ihre Gewinne versiebenfachen.  Auch deren Besitz der Stromnetze ist nicht unproblematisch, schließlich erfüllen die Netze eine öffentliche Aufgabe und gehören eigentlich in die öffentliche Hand!

Beim Thema Windstrom verläuft die Debatte anders: Überall, wo lokale Windkraftanlagen entstehen sollen, melden sich in Windeseile „Bürgerinitiativen“ zu Wort. Deren Sprecher sind in der Regel Personen, die nie zuvor in der Lokalpolitik eine Rolle gespielt haben. Sie werden erst erschreckt und dann trainiert von Argumentationsbroschüren des Bundesverbands Landschaftsschutz (BLS). Als Referenten zum Thema Windkraft laden sie dann häufig die Führungsfiguren des BLS ein. Wo die direkte Einflussnahme des BLS endet und echtes Bürgerengagement beginnt, ist dabei schwer abzuschätzen. Fest steht: Mit Hilfe unbekannter, aber nie versiegender Geldquellen ist es dem BLS gelungen, an Dutzenden von Windkraft-Standorten eine St.-Florians-Dynamik aufzubauen, die friedliche Dörfer in bisher kaum gekannter Weise spaltet – wie die Recherchen Claudia Peters eindrücklich belegen.  Die Verunsicherungsthemen sind Tier- und Landschaftsschutz (gerade so, als wären Stromtrassen schön und gut verträglich). Beim BLS könnte es sich um ein Beispiel für Astroturfing handeln, also um die Inszenierung einer Graswurzelbewegung, die in Wirklichkeit „höheren“ Interessen dient.

Bei den großen Offshore-Projekten, wo Windkraftanlagen von großen Stromkonzernen fernab der Küste im Meer gebaut werden sollen mitsamt den dazu gehörigen Stromnetzen von Nord nach Süd, sind vergleichbare Umweltbedenken kaum zu vernehmen – jedenfalls nicht von (angeblichen) Bürgerbewegungen. Auch der Strom aus der Wüste, den die Desertec-Foundation propagiert, scheint vor allem dem Zweck zu dienen, Großkonzernstrukturen zu erhalten und eine dezentrale alternative Energieversorgung zu verhindern.

Die Energiewirtschaft braucht viele Verbündete, um die Mythen über die Energieversorgung und den Strompreis aufrechterhalten zu können. Anhand zweier Beispiele kann das PR-Prinzip nachvollzogen werden: Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist bereits in der Vergangenheit mit einseitigen Stellungnahmen und einer gewissen Affinität zu Großkonzernen und der Atomindustrie aufgefallen. Insofern verwundert die medienwirksame Veröffentlichung einer Angst machenden Studie vom Mai 2012 nicht, wonach bis 2025 die Strompreise um 70 Prozent steigen sollen. Von Medienseite wäre zu prüfen gewesen, wer die 124 Mio € Drittmittel für die Forschung des KIT beisteuert. Auch dürfte die Nähe zur Helmholtz-Gemeinschaft in dem Kontext relevant sein.

Der Journalist Christian Fuchs entlarvte einen Verein als verlängerten Arm der Atomindustrie: Bürger für Technik e.V. (BfT) bietet vor allem jungen Leuten kostenlose Technologieberatung im Sinne der Industrie an. Mit Botschaften wie „Atomenergie ist gut, alternative Energien werden überschätzt“ wird entsprechende Stimmung gemacht. Fuchs beschreibt umfassend, wie Scheinorganisationen Aktionsformen der Umweltbewegung nutzen – Astroturfing eben.

Anhand der angeführten Beispiele wird ersichtlich, wie leicht und stark manipulierbar die öffentliche Meinung in diesem Themenfeld ist. Leider und wie so oft funktionieren die meisten Medien bei den gezielten Desinformationskampagnen nicht als Aufklärer und damit vierte Gewalt.

Der Spiegel neigt ja immer wieder mal dazu, im unteren Artikelteil den eigentlichen Skandal zu verstecken. Die Süddeutsche Zeitung kritisiert durchaus einzelne Aspekte. Die tagesschau verlegt sich mehrheitlich auf Verlautbarungsjournalismus.


 

Footnotes    (↵ returns to text)

  1. das sind die (Strom-) Gestehungskosten, die von 2000 bis 2012 rapide sanken: onshore Windkraftanlagen um ca. 40 Prozent, kleinere PV-Dachanlagen um ca. 61 Prozent
  2. Wegen der zuverlässigen Begrenzung der solaren Höchstleistung auf 0,3 Peak [durch die integrierten Stromspeicher] sind Leistungsübertragungen in fernere Regionen jedoch nicht notwendig. Die zur Verfügung gestellte Leistung kann in der eigenen Region genutzt werden. [Strom aus Wind bei Windstille und Strom aus Sonne in den Nachtstunden] siehe: http://www.sfv.de/artikel/beitrag_von_photovoltaikanlagen_mit_integrierten_stromspeichern_zur_energiewende.htm
  3. Im „Informationsportal für Verbraucher“ des BMWi http://www.energie-verstehen.de/Energieportal/Navigation/Energieversorgung/nachhaltigkeit,did=249976.html ist zu lesen:
    „(…) Wie hoch erneuerbare Energien insgesamt subventioniert werden, erkennt man anhand der so genannten Differenzkosten. Das ist der Unterschied zwischen den gezahlten Fördervergütungen und den (eingesparten) durchschnittlichen unternehmensspezifischen Strombezugskosten, d.h. sämtlichen Kosten, die bei dem jeweiligen Energieversorgungsunternehmen für den Strombezug tatsächlich entstanden sind. Diese Differenzkosten betrugen 2008 über 4,5 Milliarden EUR insgesamt, für das Jahr 2015 sind nach den derzeitigen Regelungen im EEG über 7 Milliarden EUR zu erwarten. (…)“
    So werden die erneuerbaren Energien in Misskredit gebracht.
    s. auch: Quellen aus: http://www.sfv.de/artikel/solarstrom_vermindert_atomgewinne_und_senkt_strompreis.htm
    http://www.sfv.de/artikel/irrefuehrung_der_verbraucher_bei_angeblichen_mehrkosten_von_strom_aus_erneuerbar.htm
     

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